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Naturwissenschaft aus der Perspektive eines Künstlers

St. Gallen - Die Faszination, die Museen - vor allem naturkundliche Sammlungen - auf den US-amerikanischen Künstler Mark Dion (*1961) ausüben, ist in seinem Schaffen deutlich sichtbar: Sammlungsschränke und Vitrinen sind unverzichtbares Mobiliar seiner materialreichen Installationen. Die ausgestopften oder anderweitig konservierten Lebewesen, die seine Werke bevölkern, wie auch die Sammlungen naturkundlicher Bücher, die Stiche und wissenschaftlichen Instrumente, dokumentieren das Interesse des Künstlers an den Präsentationen und Kategorisierungen von Naturkundemuseen. Es ist Teil einer umfassenden Auseinandersetzung mit der Frage, was wir als ‚Natur’ verstehen und wie sich die Konzepte und die Repräsentationen von Natur im Kontext historischer, politischer und kulturgeschichtlicher Entwicklungen verändern.

Mark Dion: New Curiosities for the Green Vault. Ostrich Egg, 2014

Courtesy the artist and Galerie Nagel Draxler Berlin/Köln

Mark Dion: Mobile Wilderness Unit - Wolf, 2006

Courtesy the artist and Georg Kargl Fine Arts Vienna

Das Kunstmuseum St.Gallen teilte sich den neo-klassizistischen Museumsbau von Johann Christoph Kunkler mit dem Naturmuseum, das am 11. November 2016 einen Neubau bezog. Mark Dion wurde eingeladen, die freiwerdenden Räume im Untergeschoss des Hauses zu bespielen. Bereits anlässlich der documenta 13 schuf der Künstler im Ottoneum, dem Kasseler Naturkundemuseum, eine Präsentationsarchitektur für die Xylothek Schildbach. Diese Holzbibliothek (gr. xylon = Holz), Ende des 18. Jahrhunderts von Carl Schildbach angelegt, besteht aus 530 ‚Büchern‘, gefertigt aus einheimischen Baum- und Straucharten. Im Kunstmuseum St.Gallen erhält Dion nun erstmals Gelegenheit, direkt in einem (ehemaligen) Naturmuseum mit eigenen Werken zu intervenieren und die bestehenden naturkundlichen Informations- und Präsentationsstrukturen sowie die darin implizierten wissenschaftlichen Kategorien zu befragen.

Mit The Wondrous Museum of Nature realisiert Dion seine eigene naturkundliche Sammlung - gleichsam ein Naturkundemuseum der etwas andern Art - auf Zeit. Bei seiner Beschäftigung mit Naturkundemuseen nimmt der Künstler verschiedene Rollen ein: Er spielt mit der Figur des Sammlers, Kurators und Museumsdirektors als Herrscher über Wissen und Besitz; er ist als Systematiker, Arrangeur, Forschungsreisender, aber auch als Chronist des Verlusts und der Umweltzerstörung tätig. Er agiert dabei als Dilettant im besten Sinne, als jemand, der mit größtem Vergnügen (italienisch ‚diletto’) bei der Sache und doch kein ausgebildeter Wissenschaftler ist. Dion hat sich dabei bewusst entschieden, als Künstler zu arbeiten und nicht als Wissenschaftler: „Alles, was ich an der Kunst mag, könnte man in der Wissenschaft nicht gebrauchen: Ironie, Metaphorik, Humor. All diese Aspekte sind für mich von großer Wichtigkeit, um sie dreht sich gewöhnlich der Erfolg von Kunst. Für die Wissenschaft würden sie dagegen eine Entweihung bedeuten. Sie sucht nach Dingen jenseits der sozialen Geschichte, nach absoluten Gesetzmäßigkeiten.”

In der Tat haben Ironie und Humor eine besondere Bedeutung für den Künstler, und seine präzise konzipierten und arrangierten Werke haben oft etwas Spielerisches, das die Besucher zum Staunen einlädt über die Vielfalt der Natur und über Methoden der Naturwissenschaft, die hier dezidiert aus der Perspektive eines Künstlers interpretiert werden. Die Faszination für die Schönheit und Fülle der Natur auf der einen und das Wissen um deren Gefährdung in Zeiten zunehmender Umweltverschmutzung und schwindender Artenvielfalt auf der anderen Seite, stehen dabei gleichberechtigt nebeneinander.
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