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Beziehungen zwischen Krieg und Frieden

Stuttgart - Die Ausstellung Post-Peace, die Werke von rund zwanzig Künstlern aus unterschiedlichen Kulturkreisen umfasst, geht den heutigen Erscheinungsformen von und Beziehungen zwischen Krieg und Frieden nach. Wie viel Krieg steckt in unserem Frieden? - so die zentrale Frage. Die Ausstellung schlägt vor, unsere gegenwärtige Situation, in welcher der „Frieden“ des globalen Kapitalismus durch kontinuierliche Gewalt und Kriege teuer erkauft wird, mit dem Begriff des Post-Peace, der „Nachfriedenszeit“ zu fassen. Dabei spannt Post-Peace einen historischen Bogen, der vom Zweiten Weltkrieg bis Heute reicht.

Lyubov Matyunina: Post Fairy Tale, 2016
Courtesy Lyubov Matyunina
Yazan Khalili: The Day We SAW Nothing In Front of Us, 2015
Courtesy Yazan Khalili und Lawrie Shabibi Galerie
belit sag: AYHAN und ich, 2016
Courtesy belit sag
Vor dem Hintergrund, dass die Geschichte bekanntlich immer von den Siegern geschrieben wird, geht es um einen kritischen Blick auf unsere Erinnerungskulturen und um eine Neubestimmung der historischen Diskurse. In Videoarbeiten, Fotografien, Installationen und Performances beschäftigen sich die Künstler mit dem Kolonialismus und Faschismus in Europa, dem Holocaust oder dem so genannten Nahostkonflikt. Die Auswirkungen von 9/11 sind ebenso Gegenstand ihrer Auseinandersetzungen wie der Zynismus des globalen Waffenhandels, die gegenwärtigen Formen von Nationalismus und Militarismus, die Konflikte um die Ukraine oder Kurden. Post-Peace wurde 2016 im Rahmen eines durch das türkische Kreditinstitut Akbank ausgelobten Kuratoren-Preis ursprünglich für Istanbul produziert, jedoch kurz vor der Eröffnung zensiert und abgesagt. In Stuttgart ist die Ausstellung nun erstmals und in erweiterter Form zu sehen.

So verwendet die niederländische Künstlerin Anna Dasović in ihrer vielteiligen Arbeit über die Erinnerungskulturen zum Holocaust Filmfragmente aus dem unvollendet gebliebenen Special Film Project 186 von 1945. Dieses im Auftrag der US-amerikanischen Luftwaffe geplante Projekt umfasst unter anderem Filmaufnahmen aus Buchenwald unmittelbar nach der Befreiung, in denen die Anwohner des Konzentrationslagers mit den Zuständen vor Ort konfrontiert werden. Dasovic verschränkt die suggestiven Absichten dieser Bildproduktionen mit aktuellen politischen Reden über den Holocaust. Neben solchen, das Dokumentarische befragende Arbeiten, setzen andere Werke an den Potenzialen des Imaginären an. So greift die russische Künstlerin Lyubov Matyunina in ihrer Videoarbeit E. T. A. Hoffmanns Märchen Klein Zaches, genannt Zinnober auf - eine karnevaleske Geschichte über Schein und Wirklichkeit - und versetzt diese an diverse Schauplätze in Kaliningrad: dem ehemaligen und während des Zweiten Weltkriegs stark zerstörten Königsberg, das nicht nur Geburtsort von Hoffmann und Kant, sondern auch der Künstlerin ist.

Der in Jordanien geboren Künstler Lawrence Abu Hamdan geht wiederum in seiner Arbeit einem Tötungsdelikt an zwei Jugendlichen durch israelische Soldaten im Westjordanland nach und verschränkt dabei Methoden der audio-ballistischen Analyse mit der Apparatur von Schießanlagen. Neben der Präsentation von Werken der zeitgenössischen Kunst versteht sich die Ausstellung auch als eine offene Plattform der Artikulation und Performance. Das Kollektiv Anonymous Stateless Immigrants (ASI) baut hierfür eigens eine auf einem Modell der russischen Avantgardekünstlerin Alexandra First beruhende Bühne, die insbesondere Geflüchteten zur Verfügung stehen soll.
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